Netto-Null als Strategie: Vom Versprechen über das Portfolio zum Wettbewerbsvorteil
- Olivier Lazar

- vor 12 Stunden
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Bei PM4TheWorld untersuchen wir häufig, wie Projektmanagement Ambitionen in Handeln überführt. Unser jüngstes Webinar tat genau das – anhand eines der wichtigsten Übergänge, vor denen Unternehmen heute stehen: von Nachhaltigkeitszusagen auf dem Papier zu realer, strukturierter und messbarer Umsetzung. Sie können die Aufzeichnung hier.
In dieser Veranstaltung begrüßten wir Kasia Grzybowska, Nestlé AVP und Regional Sustainability Manager für Asien, Ozeanien und Afrika. Sie erläuterte, was Netto-Null in einem globalen Unternehmen wirklich bedeutet. Ihre Botschaft war klar: Netto-Null ist weder ein Kommunikationsversprechen noch eine einzelne Initiative. Es ist ein langfristiges Portfolio strategischer Entscheidungen, Programme und Projekte, das über die Zeit gesteuert, gemessen und umgesetzt werden muss. Nestlés Netto-Null-Fahrplan ist ein 30-jähriges Portfolio mit Zwischenzielen, kein einmaliges Programm.
Besonders überzeugend war, dass Kasia Nachhaltigkeit nicht nur als Compliance oder Risikominderung betrachtete. In einer von Automatisierung, KI und neuen Geschäftsmodellen geprägten Welt reichen schrittweise Verbesserungen bestehender Systeme nicht mehr. Unternehmen müssen Risiken steuern und zugleich Produkte, Portfolios und Geschäftsmodelle neu denken, die von Grund auf nachhaltig sind und langfristige Wettbewerbsvorteile schaffen. Die Spannung zwischen heutigem Risiko und künftiger Relevanz stand im Zentrum des Gesprächs.
Das Ausmaß wird deutlich, wenn man betrachtet, wo Emissionen entstehen. Bei Nestlé liegt der Großteil außerhalb der direkten betrieblichen Kontrolle, besonders bei der Beschaffung von Zutaten. Mehr als 70 % des CO₂-Fußabdrucks entfallen darauf; Produktion, Verpackung, Logistik und Reisen bilden den Rest. Dadurch verändert sich Projektumsetzung: Viele entscheidende Maßnahmen finden nicht in eigenen Fabriken statt, sondern vorgelagert auf Feldern, Höfen und in lokalen Lieferketten – durch Zusammenarbeit statt Anweisung.
Deshalb widmete sich das Webinar ausführlich regenerativer Landwirtschaft und einem gerechten Übergang. Für Nestlé geht es nicht nur um Emissionsminderung, sondern um ein widerstandsfähigeres, regeneratives Ernährungssystem, das bäuerliche Einkommen, Versorgungssicherheit, lokale Beschaffung und Biodiversität stärkt. Der Übergang muss inklusiv sein und auch für Kleinbauern sinnvoll, ehrgeizig und fair gestaltet werden. Nachhaltigkeit ist nicht nur technisch, sondern auch menschlich und wirtschaftlich.
Die Beispiele machten dies greifbar. In Dubai nutzt Nestlés Al-Maha-Fabrik die größte private bodengebundene Solaranlage der VAE: 20.000 Photovoltaikmodule erzeugen jährlich 7,2 GWh. In Indien arbeitet Nestlé mit rund 90.000 Kleinmilchbauern und setzt Biodigestoren ein, die Methan reduzieren und Haushalten praktische Vorteile bringen. Diese Projekte schützen Klima und Lebensgrundlagen zugleich und zeigen, wie kontextbezogene Nachhaltigkeit statt abstrakter Zielvorgaben aussieht.
Das Webinar zeigte auch, dass Fortschritt möglich ist, wenn Ehrgeiz auf Disziplin trifft. Kasia nannte Zahlen für 2025, darunter eine Netto-Minderung der Treibhausgasemissionen um 24,52 % gegenüber 2018, 27,6 % wichtiger Zutaten von Betrieben mit regenerativer Landwirtschaft, 96,7 % der Zutaten als entwaldungsfrei bewertet, 98,6 % erneuerbarer Strom an Nestlé-Produktionsstandorten, sowie eine Senkung von Neukunststoff um 28 % gegenüber 2018. Diese Werte zeigen, was ein gesteuertes Portfolio mit messbaren Meilensteinen leisten kann.
Für PM4TheWorld war besonders wichtig, was dies für Projekt- und Portfoliomanagement bedeutet. Netto-Null braucht Projektfachleute – jedoch anders als traditionelle Modelle annehmen. Gefragt sind lange Zeithorizonte, funktionsübergreifende Portfolios, gemeinsame Verantwortung, nichtfinanzielle KPIs und Maßnahmen außerhalb direkter Kontrolle. Landwirtschaft, Technik, Beschaffung, Datenkompetenz und Projektdisziplin müssen zusammenspielen; auch PMOs und Governance brauchen ein neues Denken.
Auf die Frage, wie ein großes Nachhaltigkeitsportfolio ohne zusätzliche Bürokratie gesteuert werden kann, antwortete Kasia pragmatisch: Governance muss leicht bleiben. Sie soll nicht jede Maßnahme im Detail kontrollieren, sondern genügend Transparenz, Struktur und Konsistenz schaffen, um Status, Risiken und Interventionsbedarf zu kennen. Ihr „Light-Touch“-Ansatz folgt dem Management by Exception: Ziele, Zeit, Budget und Kennzahlen klar definieren und Fachleuten Freiheit geben, bis Unterstützung nötig wird. Gute Governance ermöglicht Umsetzung, statt sie zu ersticken.
Kasia betonte außerdem Daten und digitale Systeme. Nestlé hat Governance auf Verwaltungsrats-, Geschäftsleitungs- und Beratungsebene sowie ein digitales Ökosystem für Emissionen, ESG-Dashboards, Beschaffung, Verpackungsdaten und Pfadsimulation aufgebaut. KI und Automatisierung helfen, große Datenmengen zu verarbeiten. Zugleich wird auch der CO₂-Fußabdruck der KI selbst berücksichtigt – denn selbst die Werkzeuge der Transformation gehören zur Gesamtbilanz.
Zum Abschluss blieb eine Herausforderung: Welches Projekt in Ihrem Portfolio könnte von „weniger Schaden“ zu wirklich nettopositiver Wirkung werden, wenn es anders gesteuert würde? Das lädt dazu ein, Projektmanagement nicht als neutrale Verwaltung, sondern als zukunftsgestaltende Disziplin zu sehen. Wenn Nachhaltigkeit Systeme neu entwirft, Resilienz aufbaut und langfristige Entscheidungen verbessert, setzen Projekt- und Portfolioverantwortliche Wandel nicht nur um – sie entwerfen ihn mit.
Das Webinar erinnerte daran, dass Nachhaltigkeit keine Nebenagenda mehr ist. Sie wird zu einem strategischen Betriebsmodell. Menschen, die Vision in strukturierte Umsetzung übersetzen können, spielen deshalb eine entscheidende Rolle.
Mein Dank gilt erneut Kasia Grzybowska für ein durchdachtes, fundiertes und höchst relevantes Gespräch.




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